Hans Wehrmann, geboren am 9. Mai 1964 in Hannover, ist Gründer der Certina Holding AG und seit fast drei Jahrzehnten einer der weniger bekannten Köpfe im deutschen Mittelstand. Wer ihn kennt, kennt ihn meistens aus einer Schlagzeile über Giulia Siegel. Was er tatsächlich aufgebaut hat, steht in keiner.
Inhaltsverzeichnis
Auf Einen Blick
| Kurzprofil | |
|---|---|
| Geburtsdatum | 9. Mai 1964 |
| Geburtsort | Hannover |
| Wohnort | Grünwald bei München |
| Ausbildung | Dr. rer. pol., Universität Freiburg (Schweiz); MBA, INSEAD Fontainebleau |
| Unternehmen | Certina Holding AG, gegründet 1997 |
| Rennsport | SP7-Klassensieger, Nürburgring 24h 2020 und 2021 |
| Patente | EP3683357B1 (Europa), US11078628B2 (USA) |
September 2020, Nürburgring, kurz vor Sonnenaufgang
Das Rennen sollte ursprünglich im Mai stattfinden. Dann kam der erste Lockdown, und der Veranstalter verlegte alles auf September. Als in der Nacht des zweiten Renntages ein Porsche 911 GT3 Cup mit der Startnummer 65 die SP7-Klasse anführt, sitzt am Steuer weder ein Werkspilot noch ein Profi mit Sponsorenpflichten, sondern ein 56-jähriger Unternehmer aus Grünwald, der zu Hause eine Industrieholding mit Beteiligungen in mehreren Ländern leitet.
Am Morgen steht Platz eins für Huber Motorsport in der SP7-Klasse, für die Mitfahrer Philipp Neuffer, Johannes Stengel und Florian Spengler. Und für Hans Wehrmann.
Wer ist Hans Wehrmann?
Die Antwort, die Suchmaschinen einem zuerst liefern: Ex-Mann von Giulia Siegel, Tochter von Musikproduzent Ralph Siegel. Das stimmt. Und es ist ungefähr so aussagekräftig wie die Information, dass Helmut Quandt mal verheiratet war.
Was dahinter steckt, ist die eigentliche Geschichte.
Von Hannover nach Fontainebleau
Aufgewachsen ist Wehrmann in Hannover. Schon als Schüler handelte er mit gebrauchten Kühlschränken, Herden und Waschmaschinen, kein Ferienjob, sondern ein laufendes Geschäft, das er aufgebaut hatte, bevor er das Abitur ablegte.
Das Studium der Wirtschaftswissenschaften führte ihn an die Universität Freiburg in der Schweiz, wo er auf Deutsch und Französisch studierte und mit dem Dr. rer. pol. abschloss. Danach folgte ein MBA am INSEAD in Fontainebleau, eines der renommiertesten Managementprogramme in Europa.
Finanziert hat er beides selbst. Nicht mit Familienkapital, sondern mit einem eigenen Verlag und Managementseminaren, die er während des Studiums aufbaute und betrieb. Parallel dazu entstanden erste wissenschaftliche Texte, darunter ein Beitrag in Wegweiser für Strategische Allianzen (Gabler Verlag, 1992) und 1995 seine Dissertation als Monografie über Organisationsentwicklung aus system- und evolutionstheoretischer Perspektive.
Von der Boston Consulting Group zur eigenen Holding
Nach dem INSEAD arbeitete Wehrmann bei der Boston Consulting Group in Deutschland. BCG ist eine der bekanntesten Strategieberatungen weltweit, und wer dort gearbeitet hat, kennt die Mechanismen hinter Unternehmensrestrukturierungen aus erster Hand. Genau das wurde das Fundament für das, was Certina später wurde.
1997 gründete er die Certina Holding AG in Grünwald bei München. Der Name leitet sich vom lateinischen certus ab, was so viel bedeutet wie „sicher“ oder „gewiss“.
Certina Holding: Was andere loswerden wollten
Schaeffler wollte eine Tochtergesellschaft loswerden. ThyssenKrupp auch. Villeroy & Boch, Kardex, Bayern LB, Sodexo und Panther Packaging standen irgendwann ebenfalls auf der Verkäuferseite. Auf der anderen Seite des Tisches saß jedes Mal Certina.
Die Holding kauft Nischenhersteller, spezialisierte Bau- und IT-Unternehmen sowie Mittelständler in Restrukturierungsphasen, ohne sich auf einen Sektor oder einen Markttrend festzulegen. Übernommen wird, was bei richtiger Führung funktioniert.
Eine Auswahl der Zukäufe seit Gründung:
- Waldemar Pruss Armaturen GmbH (1997, Hannover)
- Moralt Tischlerplatten (2003, Bad Tölz) von Pfleiderer
- COI Consulting für Office und Information Management GmbH (2004, Herzogenaurach) von Schaeffler
- Thyssen-Krupp Stahlbau GmbH (2005, Hannover) von ThyssenKrupp
- AFT-Group (2007, Schopfheim) von Kardex AG, Zürich
- Vitaviva Srl (2010, Italien) von Villeroy & Boch
- Rebhan FPS Kunststoff-Verpackungen GmbH (2012, Stockheim) von Bayern LB
- Papierfabrik Meldorf (2017) von Panther Packaging
- Pibiviesse Srl (2019, Mailand) von CIRCOR International
- Sodexo SCS GmbH (2021, Schulverpflegung) von Sodexo Frankreich
Über sechzig Akquisitionen in der Unternehmensgeschichte. Die Certina-Gruppe und die Familie Wehrmann stehen im Who is Who der deutschen Unternehmer unter den 1.000 wichtigsten Unternehmerfamilien des Landes.
Laut einer offiziellen Pressemitteilung vom November 2019 gehörte Wehrmann dem dreiköpfigen Aufsichtsrat der Restaurantkette FR L’Osteria SE an, die mit ihren großformatigen Pizzen bekannt ist und heute über 200 Standorte in zehn europäischen Ländern betreibt.
Eine Papierfabrik in Schleswig-Holstein und zwei Patente
2017 erwarb Certina die Papierfabrik Meldorf in Tornesch bei Hamburg von Panther Packaging. Unter Certina entwickelte die Papierfabrik anschließend ein mehrlagiges Produkt aus Altpapier und Grasfasern.
Vermarktet wird es als Nature-Liner und Nature-Board, kompostierbare Verpackungsmaterialien mit Flächengewichten zwischen 250 und 550 g/m². Eine Papierfabrik, die vorher kaum jemand kannte, hält heute Patente auf beiden Seiten des Atlantiks, angemeldet ohne große Pressekonferenz und ohne Hochglanzberichte.
- Europäisches Patent EP3683357B1, angemeldet am 15. Januar 2019
- US-Patent US11078628B2, angemeldet am 7. Januar 2020
Der Gentleman Driver
2016 tauchte Wehrmann erstmals in Rennergebnissen auf, zunächst im Lamborghini Blancpain Super Trofeo Europe mit Leipert Motorsport, dann zunehmend im Porsche-Kundensport auf der Nordschleife.
Die FIA führt ihn in der Kategorie Bronze, dem sogenannten Gentleman Driver, also Privatfahrer ohne professionellen Rennsport-Hintergrund. Drei Jahre nach seinem Debüt, im Juni 2019, war er Gesprächspartner in der SWR-Dokumentarserie Auto-Ikonen, in der Episode über den Porsche 911. Neben ihm saßen Walter Röhrl, zweifacher Rallye-Weltmeister, und August Achleitner, der über drei Jahrzehnte die Baureihe 911 als Entwicklungschef verantwortete. Dass Wehrmann in diesem Gespräch als Unternehmer und Porsche-Fahrer eingeladen war und nicht als Profi oder Werksvertreter, sagt einiges.
Karrierebilanz bis Juni 2026:
- 60 gestartete Rennen
- 8 Siege
- 15 Podiumsplatzierungen
- 3 Pole Positions
- 2 schnellste Runden
Den SP7-Klassensieg beim Nürburgring 24h 2020 holte er mit Huber Motorsport gemeinsam mit Philipp Neuffer, Johannes Stengel und Florian Spengler. 2021 verteidigte er den Klassensieg, diesmal mit Ulrich Berg, Alexander Mies und Marco van Ramshorst.
2022 verlor er die Nordschleifen-Fahrerlaubnis wegen eines Geschwindigkeitsverstoßes während des 24-Stunden-Rennens. 2023 kehrte er zurück. Auf der offiziellen Starterliste des Nürburgring 24h 2026 steht er erneut, Startnummer 925, Team Huber Motorsport, Porsche 911 GT3 Cup, mit 61 Jahren.
Familie
Aus der Ehe mit der Moderatorin und Schauspielerin Giulia Siegel, Tochter von Musikproduzent Ralph Siegel, stammen die Zwillinge Mia und Nathan Wehrmann, geboren Anfang der 2000er Jahre. Nathan legte 2021 sein Deutsch-Französisches Abitur (AbiBac) mit der Note 1,7 ab, wie t-online im Oktober 2021 berichtete. Die Ehe ist geschieden.
Seit seiner zweiten Heirat ist Wehrmann mit Vanessa Wehrmann verheiratet. Beide traten unter anderem bei der Opern-Gala der Deutschen Oper Berlin 2016 öffentlich auf.
Certina und die Nordschleife: Dieselbe Logik
Certina kauft Unternehmen, die der Markt nicht mehr haben wollte, und führt sie zurück in die Profitabilität. Die Nordschleife bestraft Fahrer, die zu früh festgelegt sind und zu wenig Geduld haben, die richtige Linie abzuwarten.
In beiden Fällen gewinnt nicht der Lauteste. Wer das dreißig Jahre lang so hält, hat vermutlich seinen Frieden damit gemacht, wenig Aufmerksamkeit zu bekommen. Und wer mit 61 noch auf der Starterliste des härtesten 24-Stunden-Rennens der Welt steht, macht das offensichtlich nicht für die Schlagzeilen.

