Erika Wildau-Honecker – Tochter von Erich Honecker: Was wirklich bekannt ist

Erika Wildau-Honecker stand Ende Januar 1992 vor der chilenischen Botschaft in Moskau, mit ihrem Ehemann und ihren beiden Kindern angereist, um sich von ihrem Vater zu verabschieden. Drinnen wartete Erich Honecker, dem die deutsche Justiz vorwarf, politisch verantwortlich für die Todesschüsse an der Berliner Mauer zu sein. Sie stand hier nicht zufällig.

Die taz berichtete wenige Tage später über diesen Besuch. Es ist bis heute der einzige Moment in ihrem Leben, der mit Datum, Ort und Namen belegt ist. Fast alles andere über sie bleibt Vermutung oder die Wiederholung derselben wenigen Sätze.



Wer ist Erika Wildau-Honecker? Die wichtigsten Fakten im Überblick

Über kaum eine andere Tochter eines DDR-Spitzenfunktionärs gibt es so wenige belastbare Informationen. Was sich tatsächlich belegen lässt, zeigt diese Übersicht:

FaktInformation
GeborenJuni 1950 in Ost-Berlin
VaterErich Honecker, SED-Generalsekretär und Staatsratsvorsitzender der DDR
MutterEdith Baumann, FDJ- und SED-Funktionärin
Tätigkeit in der DDRMitarbeiterin im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten (Funktion nicht dokumentiert)
Beruf nach 1990Rechtsanwältin für Familienrecht in Berlin
EhemannKarl Wildau, DDR-Diplomat
KinderZwei Töchter, Namen nicht öffentlich bekannt
HalbschwesterSonja Honecker, später Sonja Yáñez, gestorben 2022 in Chile

Geburt, Eltern und Ehe lassen sich über mehrere unabhängige Quellen nachvollziehen. Was sie in den zwei Jahrzehnten ihrer Tätigkeit im Außenministerium tatsächlich tat, lässt sich nirgends konkretisieren.

Erich Honecker und Edith Baumann: Eine Ehe, die an einer Affäre zerbrach

Erika ist das einzige gemeinsame Kind von Erich Honecker und Edith Baumann, seiner zweiten Ehefrau. Honeckers erste Frau, Charlotte Schanuel, war kurz nach der Hochzeit gestorben. Mit Baumann, seiner Stellvertreterin an der Spitze der FDJ, war er ab 1947 ein Paar, verheiratet von 1949 bis 1953.

Die Ehe endete, weil Honecker eine Beziehung zu Margot Feist begonnen hatte. Im Dezember 1952, noch während der Ehe mit Baumann, brachte Feist eine Tochter zur Welt: Sonja, Erikas spätere Halbschwester. Ein Jahr danach wurde die Scheidung rechtskräftig. Baumann blieb bis zu ihrem Tod 1973 eine einflussreiche Politikerin, unter anderem als Kandidatin für das Politbüro. Erika wuchs bei ihr auf, nicht beim Vater, der mit Margot Feist kurz darauf seine dritte Familie gründete, jene Familie, die später als die offizielle Familie Honecker in die Geschichtsbücher einging.

Zwanzig Jahre im DDR-Außenministerium ohne dokumentierte Aufgabe

Ab den 1970er-Jahren arbeitete Erika Wildau rund zwanzig Jahre lang im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR, bis zum Ende der DDR 1990. Welche Aufgabe sie dort genau hatte, ist nirgendwo dokumentiert. Auch ausführlichere Honecker-Biografien, etwa Henrik Eberles „Anmerkungen zu Honecker“, die das Verhältnis Honeckers zu seinen Frauen, Töchtern und Enkeln behandeln, nennen für Erika keine konkrete Funktion oder Abteilung.

Das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR war kein gewöhnlicher Staatsdienst. Es war eine Institution, in der Parteizugehörigkeit und politische Zuverlässigkeit Voraussetzung für jede Anstellung waren, und in der die meisten Mitarbeiter zu keinem Zeitpunkt öffentlich in Erscheinung traten. Wer dort arbeitete, tat dies in einem Apparat, der nach innen wie nach außen auf Diskretion ausgerichtet war. Das macht die Abwesenheit von Dokumenten über Erikas konkrete Tätigkeit erklärbar, aber nicht weniger auffällig.

Über Erich Honecker füllen Archive, Bücher und Gerichtsakten ganze Regale. Über die Tochter, die zwei Jahrzehnte direkt im Apparat seiner Außenpolitik arbeitete, findet sich kein einziges Aktenstück in der öffentlichen Debatte.

Die zweite Ehe: Erika und der Diplomat Karl Wildau

Ihren heutigen Familiennamen erhielt Erika durch ihre zweite Ehe mit dem Diplomaten Karl Wildau, geboren 1928. Über ihre erste Ehe ist nichts bekannt, nicht einmal der Name ihres ersten Mannes wurde je veröffentlicht.

Karl Wildau vertrat die DDR über mehrere Jahrzehnte im Ausland: als Generalkonsul und Botschafter im Südjemen, als Botschafter in Zypern, und ab November 1988 als letzter DDR-Botschafter in den Niederlanden bis zur Wiedervereinigung 1990. Für Erika bedeutete das ein Leben, das sich über Jahrzehnte zwischen Auslandsposten abspielte, an der Seite eines Mannes, dessen Beruf Zurückhaltung verlangte und dessen Stationen weit außerhalb jeder deutschen Öffentlichkeit lagen.

Mit Karl Wildau hat sie zwei Töchter. Laut den Aufzeichnungen von Bernd Brückner, Honeckers langjährigem Leibwächter, behandelte ihr Vater die beiden Mädchen genauso wie seine Enkel aus der dritten Ehe, ein Detail, das in der öffentlichen Erinnerung an die Familie Honecker fast nie auftaucht.

Moskau 1992: Der Abschiedsbesuch bei Erich Honecker

Dieser Besuch ist der besterdokumentierte Moment in Erikas Leben und gibt zugleich einen der wenigen Hinweise darauf, wie sie ihr Verhältnis zum Vater verstand. Laut taz reiste sie gemeinsam mit ihrem Mann, ihren beiden Töchtern und Manfred Feist, dem Bruder von Honeckers dritter Frau Margot, nach Moskau. Zur gleichen Zeit traf auch ihre Halbschwester Sonja aus Chile zu einem eigenen Abschiedsbesuch ein.

Danach trennten sich die Wege der beiden Schwestern endgültig. Sonja blieb bei den Eltern, zunächst in Moskau, dann in Chile, wohin Erich und Margot Honecker 1993 ausreisen durften. Sie pflegte beide bis zu deren Tod und lebte selbst bis zu ihrem Tod im März 2022 in Santiago de Chile. Erika kehrte nach Berlin zurück und verschwand fast vollständig aus der öffentlichen Wahrnehmung.

Gelöscht und vergessen: Wie sie aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwand

Nach der Wiedervereinigung arbeitete sie in Berlin als Rechtsanwältin für Familienrecht. Was die öffentliche Überlieferung danach über sie festhält, lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Es gibt nichts. Kein Interview ist dokumentiert, kein Auftritt als Person des öffentlichen Interesses, kein Nachruf, keine Erwähnung in Registern, die Personen des öffentlichen Lebens erfassen.

Im November 2023 zog die deutsche Wikipedia daraus eine Konsequenz. Ein Nutzer namens Lutheraner stellte einen Löschantrag für ihren Artikel, mit der Begründung: „Honecker-Tochter und Diplomatengattin reicht nicht.“ Wenige Tage später war der Artikel gelöscht. Was danach im Netz zurückblieb, war ein Vakuum, das andere Seiten mit Erfindungen füllten.

Seitdem kopieren verschiedene Seiten dieselben wenigen Sätze, oft ergänzt durch Details, für die es keine einzige Quelle gibt, darunter ein angeblicher Halbbruder und ein angeblich aktuelles Leben in stiller Zurückgezogenheit. Belegen lässt sich nur, was schon in den Neunzigerjahren berichtet wurde: eine Tochter im Außenministerium ohne dokumentierte Aufgabe, und eine Reise nach Moskau, die mehr über ihre Loyalität verrät als jedes Interview, das sie nie gegeben hat.

Daniela Seiler
Daniela Seilerhttps://apexmagazin.de/
Ich bin Daniela Seiler, Journalistin aus Holtland in Niedersachsen und Gründerin von Apex Magazin. Ich habe Journalismus studiert und danach vier Jahre in lokalen Verlagen gearbeitet, wo ich gelernt habe, dass Berichterstattung dann am stärksten ist, wenn man ihr nicht ausweicht, egal wie unbequem oder komplex das Thema ist. In dieser Zeit habe ich über ein breites Spektrum berichtet: Sportereignisse und Spielerporträts, nationale und internationale Nachrichten, gesellschaftliche Brennpunkte, Prominente und ihre Geschichten, Beziehungen und Hintergründe, Unterhaltung, Technologie, Gaming, Automobil, Wirtschaft und die Trendthemen, die Deutschland gerade wirklich beschäftigen. Kein Ressort war für mich jemals Pflichtprogramm. Ich habe mich für alle interessiert. Am 13. Mai 2026 habe ich Apex Magazin gegründet, weil ich ein Magazin aufbauen wollte, das keine künstlichen Grenzen zwischen Themen zieht und seinem Publikum gegenüber in jeder Zeile ehrlich bleibt. Hier schreibe ich selbst, jeden Tag, gemeinsam mit einem Team aus Redakteuren, Rechercheurinnen und Fachautoren, die denselben Anspruch teilen.

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