Der frühere Fenerbahçe-Kapitän trainiert seit Februar den Athletic Club in Brasilien und steht mit dem Team so nah an den Aufstiegs-Playoffs wie nie zuvor in seiner noch jungen Trainerlaufbahn.
Alex de Souza stand am vergangenen Sonntag an der Seitenlinie eines Stadions in Belo Horizonte, das für seine Verhältnisse eher klein wirkte. Der Athletic Club aus dem beschaulichen São João del-Rei gewann mit 3:1 gegen den Lokalrivalen América-MG und blieb damit zum sechsten Mal in Folge ungeschlagen. In Istanbul, wo ihm Fans einst eine eigene Statue finanzierten, bekam davon kaum jemand etwas mit.
Der Brasilianer ist in Deutschland vor allem aus seiner Zeit bei Fenerbahçe Istanbul bekannt. Dass er heute, mit 48 Jahren, einen Zweitligisten in Brasilien trainiert und dort gerade seine bisher erfolgreichste Saison als Cheftrainer erlebt, ist an den meisten vorbeigegangen.
Inhaltsverzeichnis
Vom Spielmacher zur Vereinslegende
Alexsandro de Souza wurde am 14. September 1977 in Curitiba geboren. Seine Karriere begann bei Coritiba, führte über Palmeiras und Cruzeiro und landete 2004 bei Fenerbahçe Istanbul. Dort trug er die Nummer 10, die ihm Vereinslegende Lefter Küçükandonyadis persönlich übergab.
Bei Palmeiras, wo er von 1997 bis 2000 unter Vertrag stand, gehörte er zum Kader, der 1999 die Copa Libertadores gewann, den wichtigsten Vereinswettbewerb Südamerikas. Bei Cruzeiro übernahm er später die Kapitänsbinde und führte den Klub 2003 zum seltenen Titel-Triple aus Staatsmeisterschaft, Pokal und nationaler Meisterschaft. Diese Mannschaft holte mit 100 Punkten den damals besten Punktwert der Wettbewerbsgeschichte und schoss in 46 Ligaspielen mehr als 100 Tore.
Acht Jahre lang prägte er danach den türkischen Fußball wie kaum ein anderer Ausländer. Von 2007 bis 2012 war er Kapitän von Fenerbahçe und gewann in dieser Zeit drei Meisterschaften, einen Pokal und zwei Superpokale. Als er den Klub 2012 verließ, bildeten Tausende Fans eine nächtliche Mahnwache vor seinem Wohnhaus, sangen und weinten und baten ihn zu bleiben.
Zwei Zahlenreihen, die beide stimmen
Für seine Fenerbahçe-Zeit kursieren im Netz zwei unterschiedliche Zahlenreihen. Beide sind richtig, sie beziehen sich nur auf unterschiedliche Wettbewerbe.
| Kennzahl | Nur Süper Lig | Alle Wettbewerbe |
|---|---|---|
| Spiele | 245 | 344 |
| Tore | 136 | 171 |
| Assists | nicht separat erfasst | 147 |
Die Ligazahlen bestätigt UEFA.com in ihrer Meldung zu seinem Karriereende. Zweimal wurde er Torschützenkönig der Süper Lig, in seiner ersten Saison 2004/05 traf er in 31 Ligaspielen 24 Mal.
Nationalmannschaft und ein Tor gegen die Türkei
Für Brasilien bestritt er zwischen 1998 und 2005 insgesamt 48 Länderspiele und schoss 12 Tore. Er gewann die Copa América 1999 und 2004, im zweiten Fall als Kapitän, und stand bei Olympia 2000 sowie bei zwei Confederations Cups auf dem Platz.
Beim Confederations Cup 2003 in Frankreich erzielte er in der Nachspielzeit den Ausgleich gegen die Türkei, das Spiel endete 2:2. Ein Jahr später unterschrieb er ausgerechnet dort seinen Vertrag, bei Fenerbahçe.
Ein holpriger Start als Trainer
Nach dem Karriereende im Dezember 2014 arbeitete er zunächst als Experte für ESPN Brasil. 2021 wechselte er auf die Trainerbank, zuerst bei der U20 des FC São Paulo, danach bei Avaí und ab 2024 bei Antalyaspor in der Türkei.
Keine dieser Stationen hielt lange. Bei Operário Ferroviário führte er das Team 2025 auf einen soliden zwölften Platz in der Série B, wurde aber Anfang 2026 nach drei Niederlagen aus vier Spielen im Campeonato Paranaense entlassen.
Alex de Souza mitten im Aufstiegsrennen beim Athletic Club
Am 21. Februar 2026 übernahm er den Athletic Club, gerade erst aus der Staatsmeisterschaft von Minas Gerais abgestiegen und von vielen als schwächste Mannschaft der Série B eingeschätzt. Bei seiner Vorstellung sagte er, die Lage des Klubs sei heikel, das mache alle im Verein traurig. Sein Debüt folgte bereits am 4. März in der Copa do Brasil gegen Rio Branco, nur wenige Tage nach der Verpflichtung.
Knapp sechs Monate später sieht die Bilanz anders aus, als es damals irgendjemand erwartet hätte.
- Tabellenplatz: 8, mit 34 Punkten, nur einen Punkt hinter der Aufstiegs-Playoff-Zone
- Serie: sechs Ligaspiele in Folge ungeschlagen, die längste Serie in der Zweitliga-Geschichte des Klubs
- Bilanz mit Athletic: 10 Siege, 11 Unentschieden, 6 Niederlagen aus 27 Spielen
- Restprogramm: 16 Spieltage bis zum geplanten Saisonende Ende November
In dieser Saison steigen die beiden Tabellenführer der Série B direkt auf, Platz drei bis sechs spielen die zwei restlichen Aufstiegsplätze in Playoff-Duellen mit Hin- und Rückspiel aus. Athletic braucht dafür nur noch einen einzigen Platz gutzumachen. Für Alex de Souza wäre es die bislang beste Bilanz seiner Trainerlaufbahn, erzielt bei einem Klub, der weder große Tradition noch die Erwartungen mitbringt, die ihn einst in der Türkei begleiteten.
Familie und ein Buch über sein Leben
Seit dem Jahr 2000 ist er mit Daiane verheiratet, deren Vater damals Präsident seines Heimatklubs Coritiba war. Das Paar hat drei Kinder, die Töchter Maria Eduarda und Antonia sowie Sohn Felipe. Maria Eduarda hat sich inzwischen einen eigenen Namen gemacht, als Nachwuchstennisspielerin in Brasilien.
2015 erschien seine offizielle Biografie, geschrieben vom Journalisten Marcos Eduardo Neves, der dafür rund 120 Weggefährten aus seiner Karriere befragte.
Die kommenden Wochen entscheiden
Ob Athletic am Ende tatsächlich die Aufstiegs-Playoffs erreicht, hängt von den verbleibenden 16 Spieltagen ab. Fest steht schon jetzt, dass die Saison in São João del-Rei die stärkste ist, die Alex de Souza als Trainer bislang zustande gebracht hat, unabhängig davon, wie sie endet.

