Hilaree Nelson: Skialpinistin, Weltrekordhalterin, Legende

Hilaree Nelson galt als die beste Skibergsteigerin ihrer Generation. Mehr als 40 Expeditionen, sieben Kontinente, Erstbefahrungen an Bergen, die die meisten Menschen nur vom Foto kennen. Aber die Geschichte, die erklärt, wer sie wirklich war, beginnt nicht auf einem Achttausender. Sie beginnt an einem Bach in Colorado, an einem gewöhnlichen Arbeitstag, der nicht gut ausging.



Irgendwann um das Jahr 2010 kniete Nelson in einem Bachlauf in Colorado neben einer Frau, die aufgehört hatte zu atmen. Ein normaler Heli-Ski-Tag. Die Frau war durch eine Schneebrücke eingebrochen, ihr Helm hatte sich zwischen einem Fels und dem Bachbett eingeklemmt. Der Freund der Frau hatte an diesem Tag einen Ring dabei.

Nelson und ein zweiter Guide haben sie herausgezogen. Es war zu spät.

Danach ging sie nach Hause und warf Möbel. Trat gegen einen Stuhl und brach sich dabei den Fuß. Panikattacken. Zu viel Alkohol. Schlaftabletten. Ihre Ehe zerbrach. Sie sagte Jahre später, ohne Umschweife, sie sei damals „adrift“ gewesen. Orientierungslos.

Ein gewöhnlicher Tag. Falsch ausgegangen. Das ist der eigentliche Anfang.


Wer war Hilaree Nelson?

Nelson wurde am 13. Dezember 1972 in Seattle, Washington, geboren. Mit drei Jahren stand sie zum ersten Mal auf Skiern, am Stevens Pass in den Cascade Mountains. Als Teenager war sie Basketballspielerin, 1,80 Meter groß, Teil eines Teams, das in der Washington State Championship den dritten Platz belegte. Ihr Vater filmte jedes Spiel und träumte davon, dass sie Profi werden würde.

Sie studierte Biologie am Colorado College. Danach zog sie nach Chamonix, Frankreich. Fünf Monate sollten es werden, es wurden fünf Jahre. 1996 gewann sie dort die Europameisterschaft im Extremskifahren. 1999 wurde sie Athletin bei The North Face.

Zwischen Expeditionen kellnerte sie in Telluride, Colorado. Die New York Times erwähnte das 2005 in einem Reisestück, beiläufig, als wäre es nichts Besonderes. Das war es auch nicht. Es war einfach ihr Leben.


Ihre Erstbefahrungen: Was sie im Skibergsteigen aufgebaut hat

Was Nelson in gut zwei Jahrzehnten erreicht hat, ist im Skialpinismus ohne Vergleich:

  • 2002 Erste Skibefahrung aller fünf sogenannten Heiligen Gipfel im mongolischen Altai-Gebirge
  • 2005 Skiabfahrt vom Cho Oyu (8.188 m), dem sechsthöchsten Berg der Welt, ohne Sauerstoff
  • 2011 Skiabfahrt vom Denali über den Messner Couloir
  • 25. Mai 2012 Erste Frau, die Everest und Lhotse in einem einzigen 24-Stunden-Aufstieg bestieg
  • 2015 Erste Frauenabfahrt über den Makalu-La-Couloir am Makalu (8.485 m)
  • 2017 Erste amerikanische Besteigung und Erstbefahrung des Papsura (6.451 m) in Indien, bekannt als „Peak of Evil“
  • 30. September 2018 Erstbefahrung des Lhotse-Couloirs, 2.135 Höhenmeter über einen 60-Grad-Steilhang, vom Gipfel des vierthöchsten Berges der Welt

Mehr als 40 Expeditionen in 16 Ländern. 2018 ernannte die National Geographic Society sie zur Abenteurerin des Jahres. Im selben Jahr wurde sie Kapitänin des The North Face Athlete Teams, als erste Frau überhaupt in dieser Rolle. Den Titel vor ihr hatte nur Conrad Anker gehalten.


Lhotse 2018: Die Abfahrt, die alles veränderte

Die Geschichte hinter der Lhotse-Erstbefahrung beginnt drei Jahre früher, am Makalu.

2015 versuchten Nelson und der Skibergsteiger Jim Morrison gemeinsam, den Makalu zu besteigen. Sie scheiterten. Irgendwo in großer Höhe, in einem Zelt, schauten sie auf einem iPad den Film Cast Away. Morrison erzählte ihr dann etwas, was er kaum jemandem erzählt hatte.

Im März 2011 war seine Frau Katie mit den gemeinsamen Kindern Wyatt (6 Jahre) und Hannah (5 Jahre) in einer Cessna 210 abgestürzt, in der Nähe von Barstow, Kalifornien. Alle drei kamen ums Leben. Die amerikanische Flugunfallbehörde NTSB konnte die Ursache nie abschließend klären. Morrison sprach vier Tage nach dem Absturz vor Trauergästen. Er sagte: „Ich habe keinen Sinn mehr. Ich kann mir das Leben nehmen oder ich kann es zu ihren Ehren leben. Das Erste würde sie nicht stolz machen.“

Nelson hörte zu. Sie sagte damals kaum etwas.

2017 wurden sie ein Paar. Und dann setzten sie sich ein Ziel, das im Skibergsteigen als nicht machbar galt: die Erstbefahrung des Lhotse-Couloirs.

Am 30. September 2018 standen beide um 13:45 Uhr auf dem Gipfel des Lhotse. Kein anderes Team war an diesem Tag auf dem Berg. Sie hatten die gesamte Route selbst durch tiefen Schnee und Eis gebrochen. Über ihnen: ein 60-Grad-Couloir, Temperaturen weit unter null, ein Hang, der ständig von kleinen Lawinen durchfegt wird. Nelson bekam in der Höhe durch die Sauerstoffmaske einen Hitzeschub, riss mehrere Kleidungsschichten von sich ab. Morrison wartete. Drei Stunden nach dem Gipfel trafen sie auf Fels.

Die Dokumentation Lhotse von Dutch Simpson und Nick Kalisz lief 2019 beim Banff Mountain Film Festival. Bei einer Vorführung in Bozeman, Montana, am 13. Dezember 2019, Nelsons 47. Geburtstag, sang das Publikum spontan Happy Birthday.


Manaslu 2022: Der letzte Aufstieg

Im September 2022 war Nelson 49 Jahre alt. Ihre Söhne Quinn (15) und Grayden (13) lebten bei ihrem Vater in Telluride, während sie und Morrison zum Manaslu nach Nepal reisten. Mit 8.163 Metern ist er der achthöchste Berg der Welt.

Am 22. September brachen sie ihren ersten Gipfelversuch ab. Die Bedingungen waren zu gefährlich, um von Camp 3 weiter auf Camp 4 vorzurücken. Sie entschieden sich, von Camp 3 abzufahren, was bedeutete: die Skier mussten beim zweiten Versuch wieder vollständig nach oben getragen werden.

Danach schrieb Nelson auf Instagram, im September 2022:

„Ich habe mich auf dem Manaslu nie so standfest gefühlt wie auf früheren Touren in der dünnen Luft des hohen Himalaya.“

Das war kein beiläufiger Satz einer Anfängerin. Das war eine Frau mit mehr als 40 Himalaya-Expeditionen, die öffentlich schrieb, dass sich dieser Berg anders anfühlte als alle anderen. Sie sind trotzdem ein zweites Mal aufgestiegen.

Am 26. September 2022 erreichten beide um 10:42 Uhr den Gipfel. Morrison fuhr zuerst ab. Nelson folgte und löste dabei eine kleine Lawine aus. Sie fiel rund 1.800 Meter die Südwand des Berges hinunter.

Morrison konnte ihr nicht helfen. Er stieg allein ins Basislager ab.

Zwei Tage lang verhinderte schlechtes Wetter jede Suchaktion. Am 28. September wurde Nelsons Körper nahe des Thulagi-Gletschers gefunden. Am 2. Oktober 2022 wurde sie in Kathmandu nach buddhistischem Sherpa-Ritus kremiert, in Anwesenheit von Familie, Freunden und Vertretern der nepalesischen Regierung.

Ihre Söhne Quinn und Grayden wurden in dieser Zeit von ihrem Vater betreut.


Was Jim Morrison danach tat

Morrison kehrte nach Telluride zurück, in das Haus, das er und Nelson zusammen gebaut hatten und das sie nie bewohnt hatte. Er schläft dort seitdem in einem Hypoxiezelt, das Höhenluft simuliert.

Den Hornbein Couloir am Everest hatten Nelson und Morrison gemeinsam geplant. Es handelt sich um eine der technisch anspruchsvollsten Skilinien der Welt, 2.700 Höhenmeter über die Nordwand des höchsten Berges der Erde. 2023 scheiterte Morrison an fehlenden Genehmigungen. 2024 musste die Expedition abgebrochen werden, nachdem ein Sherpa bei einem Lawinenabgang einen Oberschenkelbruch erlitten hatte.

Am 15. Oktober 2025 erreichte Morrison den Gipfel des Mount Everest. Er öffnete eine kleine Dose und streute Nelsons Asche über den höchsten Punkt der Erde. Dann schnallte er die Skier an.

Vier Stunden und fünf Minuten später, 2.700 Höhenmeter weiter unten, kreuzte er den Bergschrund. Als erster Mensch, der den Hornbein Couloir auf Skiern befuhr. Er weinte.

„Ich hatte ein kurzes Gespräch mit ihr“, sagte er gegenüber National Geographic. „Ich habe gespürt, dass ich ihr den ganzen Tag widmen konnte. Ich habe sie wirklich gespürt. Sie hat mich angefeuert.“


Was von Hilaree Nelson bleibt

Nelson hat einmal in einem Interview gesagt: „Ich habe viel mehr Angst davor, in eine Routine zu geraten, in der jeden Tag alles gleich ist, als vor irgendeinem Berg.“ Sie sagte dazu, dass sie beim bloßen Gedanken daran weinen könnte.

Nach dem Unfall in Colorado, nach der zerbrochenen Ehe, nach dem Wiederaufbau von Grund auf, waren die Berge für sie kein Ort des Risikos. Sie waren der Ort, an dem sie sich am deutlichsten spürte.

Das macht ihren Tod auf dem Manaslu nicht leichter einzuordnen. Sie hatte selbst geschrieben, dass sie sich dort unsicherer fühlte als auf jedem anderen Berg zuvor. Und war trotzdem ein zweites Mal gegangen.

Ihre Söhne Quinn und Grayden wuchsen ohne sie auf. Morrison lebt in einem Haus, das für zwei gebaut wurde.

Was im Skibergsteigen von ihr bleibt, ist klar dokumentiert: sieben Erstbefahrungen an Bergen zwischen 6.000 und 8.500 Metern, mehr als vier Jahrzehnte Expeditionserfahrung, die Kapitänsrolle bei The North Face, der Titel der National Geographic. Was als Mensch von ihr bleibt, lässt sich weniger ordentlich zusammenfassen.

Vielleicht ist das der einzig ehrliche Abschluss.


Quellen: National Geographic · Outside Magazine · The North Face

Daniela Seiler
Daniela Seilerhttps://apexmagazin.de/
Ich bin Daniela Seiler, Journalistin aus Holtland in Niedersachsen und Gründerin von Apex Magazin. Ich habe Journalismus studiert und danach vier Jahre in lokalen Verlagen gearbeitet, wo ich gelernt habe, dass Berichterstattung dann am stärksten ist, wenn man ihr nicht ausweicht, egal wie unbequem oder komplex das Thema ist. In dieser Zeit habe ich über ein breites Spektrum berichtet: Sportereignisse und Spielerporträts, nationale und internationale Nachrichten, gesellschaftliche Brennpunkte, Prominente und ihre Geschichten, Beziehungen und Hintergründe, Unterhaltung, Technologie, Gaming, Automobil, Wirtschaft und die Trendthemen, die Deutschland gerade wirklich beschäftigen. Kein Ressort war für mich jemals Pflichtprogramm. Ich habe mich für alle interessiert. Am 13. Mai 2026 habe ich Apex Magazin gegründet, weil ich ein Magazin aufbauen wollte, das keine künstlichen Grenzen zwischen Themen zieht und seinem Publikum gegenüber in jeder Zeile ehrlich bleibt. Hier schreibe ich selbst, jeden Tag, gemeinsam mit einem Team aus Redakteuren, Rechercheurinnen und Fachautoren, die denselben Anspruch teilen.

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